Probleme mit der Rechtschreibung
Der Mullah, ein Prediger, wollte für seine Frau Nüsse holen, denn sie hatte ihm versprochen, Fesenjan, ein Gericht, das mit Nüssen zubereitet wird, zu kochen. In der Vorfreude auf seine Lieblingsspeise griff der Mullah tief in den Nusskrug und fasste so viele Nüsse, wie er nur mit der Hand erreichen konnte. Als er versuchte, den Arm aus dem Krug heraus zu ziehen, gelang es ihm nicht. So sehr er auch zog und zerrte, der Krug gab seine Hand nicht frei. Er jammerte, stöhnte und fluchte, wie ein Mullah es eigentlich nicht tun sollte. Aber nichts half. Auch als seine Frau den Krug nahm und mit der Gewalt ihres Gewichts daran zog, nützte dies nichts. Die Hand blieb fest im Krug stecken. Nach vielem vergeblichem Mühen riefen sie ihre Nachbarn zu Hilfe. Alle verfolgten voller Interesse das Schauspiel, das sich ihnen bot. Einer der Nachbarn schaute sich den Schaden an und fragte den Mullah, wie dies Missgeschick geschehen konnte. Mit weinerlicher Stimme und verzweifeltem Stöhnen berichtete der Mullah sein Unglück.
Der Nachbar sagte: "Ich helfe dir, wenn du genau das tust, was ich dir sage!"
"Mit Handkuss mache ich das, was du mir sagst, wenn du mich nur von diesem Ungeheuer von Krug befreist."
"Dann schiebe Deinen Arm weiter in den Krug hinein."
Dem Mullah kam dies erstaunlich vor, denn warum sollte er mit dem Arm in den Krug hineinfahren, wo er ihn aus ihm heraus haben wollte. Doch er tat, wie ihm geheißen.
Der Nachbar fuhr fort: "Öffne jetzt Deine Hand und lasse die Nüsse fallen, die du festhältst."
Dieses Ansinnen erregte den Unwillen des Mullah, wollte er doch gerade die Nüsse für seine Lieblingsspeise herausholen, und jetzt sollte er sie einfach fallen lassen. Widerwillig folgte er den Anweisungen seines Helfers.
Der sagte: "Mach deine Hand ganz schmal und ziehe sie langsam aus dem Krug heraus."
Der Mullahtat, wie ihm geheißen, und siehe da, ohne Schwierigkeiten zog er seine Hand aus dem Krug. Ganz zufrieden war er aber noch nicht. ?Meine Hand ist jetzt frei, wo aber bleiben meine Nüsse??
Da nahm der Nachbar den Krug, kippte ihn um und ließ so viele Nüsse herausrollen, wie der Mullah brauchte. Mit größer werdenden Augen und vor Erstaunen geöffnetem Mund sah der Mullah ihm zu und sagte: "Bist du ein Zauberer"?
"Schreib es so, wie Du es sprichst..."
Nach der Sprachstatistik von Meyer (1987) beträgt die allgemeine Lauttreue der deutschen Sprache in Bezug auf die Rechtschreibung nur 44%!
Es kann nach dem bisherigen Stand der Forschung als gesichert betrachtet werden, dass rein auditive Rechtschreibestrategien einem frühen ?Grad? der natürlichen Rechtschreibentwicklung des Menschen entspricht (z.B. in Scheer-Neumann 1989) und insofern einen notwendigen Meilenstein im Entwicklungsprozess eines jeden Menschen darstellt. Es erübrigt sich in diesem Zusammenhang, nach den Gründen für ein Verharren auf dieser frühen Lernetappe zu Suchen.
Des Weiteren scheint auch die akustische Wahrnehmung, das periphere Hören und die zentrale Hörverarbeitung bei lese-rechtschreibschwachen Menschen im Vergleich zu normalen Schreibern beeinträchtigt zu sein (nach Warnke 1995). Dies bedeutet, dass paradoxerweise gerade die Menschen, die unter Verwendung phonologischer Strategien oft vergeblich versuchen rechtzuschreiben, weniger gut in der Lage sind, akustisch korrekt wahr zu nehmen.
Eben nicht.
Alle "guten" Rechtschreiber arbeiten nach demselben "unbewussten2 System. Sie hören (auditiv) das zu schreibende Wort und blitzschnell entsteht ein inneres Bild (visuell) von dem Wort, das sie gerade gehört haben. Danach schreiben sie (kinästhetisch) dieses Wort auf. Sie betrachten (visuell) dann das Wort und entscheiden jetzt erst, ob es sich richtig an fühlt (kinästhetisch). Dabei ist entscheidend, dass sie die Kanäle in der eben genannten Reihenfolge verwenden, wenngleich sie sich darüber nicht bewusst sind. Sie kennen das sicher aus der eigenen Erfahrung: wenn Sie unsicher waren bei der Schreibweise eines Wortes, haben Sie es noch mal auf einen Extra Zettel geschrieben und das, was ihnen richtig vorkam wurde dann im zu schreibenden Text verwendet.
Rechtschreibeschwache Kinder verfügen auch über eine gefühlsmäßige Prüfinstanz. Diese Lernstrategien sind weder bei den guten wie bei den noch nicht so guten Rechtschreibern bewusst. Da das Rechtschreiben für darin schwache Menschen mit vielen Fehlern und auch oft erheblichen Anstrengungen verbunden sind, werden dadurch immer wieder negative Emotionen ausgelöst. Diese werden als eine Art Selbstschutz verdrängt. Deshalb wird die Wahrnehmung von Gefühlen gerade bei Rechenschwachen Menschen mit der Zeit massiv unterdrückt. Diese Vermeidungsstrategie ist jedoch nicht hilfreich: Da die Betroffenen ihre Misserfolge in der Rechtschreibung dennoch wahrnehmen, wird das Rechtschreiben trotz des oben beschriebenen Verhaltens von negativen Selbsteinschätzungen begleitet. Es entstehen negative Selbstbewertungen, die gleich einem inneren Monolog beim Schreiben ablaufen können: ?Ich bin zu blöd zum Schreiben?, ?das schaffe ich nie...?etc. An dieser Stelle wird deutlich, wie das Glaubenssystem und die Identität des rechtschreibschwachen Menschen nun mit betroffen werden.
Über viele Jahrzehnte hinweg war die ?Legasthenie? Gegenstand vieler empirischer Untersuchungen. In diesem Zusammenhang wird auch gerne von Teilleitungsstörung gesprochen. Allein diese Fachwörter können besonders für Kinder stigmatisierend sein. Bis zum heutigen Tag versuchen Fachwissenschaftler sich in der Beantwortung nach möglichst vereinzelter "Ursachen". Um so mehr überrascht das Fazit dieser Bemühungen (nach Sommer-Stumpenhorst 1992, 24):
- Es gibt keine organische, psychische oder soziale Bedingung, die in jedem Fall zu einer Lese- und Rechtschreibestörung führt.
- Es gibt keine Bedingung, die als einzige zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten führt.
- Es gibt mehr Jungen als Mädchen, die Lese- und Rechtschreibeschwierigkeiten entwickeln.
- Lese und Rechtschreibschwierigkeiten entwickeln Kinder in allen Kulturen mit Schriftsprache.
Gut zu wissen, dass von Goethe berichtet wird, dass er zeitlebens nicht ohne Rechtschreibefehler schreiben könnte? Und dennoch zu der Goetheschen Größe emporsteigen konnte. Rudolf Steiner gibt den Hinweis in Menschenkunde Teil 2 (Methodisch - Didaktisches), dass seit jeher die Orthographie eine vom Staat reglementierte Angelegenheit wäre (er führt an, dass in den ersten Zeiten der Schriftentwicklung in Ägypten Fehler beim Abschreiben heiliger Schriften mit dem Tod bestraft werden konnten). Heute hat man sich auf weniger drastische Maßnahmen zur einheitlichen und bundesweiten Verständigung festgelegt. Dennoch macht es Sinn, sich Kreativität mehr für den Inhalt des Geschriebenen zu bewahren, statt sie in der Struktur zu verschwenden?
Was tun bei Problemen mit der Rechtschreibung?
Eltern können viel dazu beitragen, dass Schreiben und Lesen leicht und mit Freude gelernt wird. Je nach der Besonderheit und des Begabungsprofil des Kindes ist oft ein mögliches erstes Ziel, den Kindern bei zu bringen, Wortbilder visuell zu erinnern. Dazu bedarf es manchmal einiger Zwischenschritte, die zunächst das Visualisieren trainieren. So werden z. B. gemalte Bilder mit Worten gekoppelt und mit einem positiven Gefühl verknüpft, dass auf anderen Ebenen zugleich auch den Glauben an sich selbst und an die eigenen Fähigkeiten gestärkt und gefördert wird.
Weiter kann man mit einem einzelnen Wort ?spielen?: es mit Schnur auf den Boden legen lassen, dann den Weg abschreiten zuerst mit und später ohne Schnur; das Wort in der Luft ?sehen? und mit dem Finger nachzeichnen; in der Vorstellung einzelne Buchstaben stärker hervortreten lassen, verschiedene Farben für verschiedene Buchstaben vorstellen lassen, Buchstaben verkleinern und vergrößern, sich einen Hintergrund ausdenken...
Dann erst das Wortbild buchstabieren lassen. Will man ganz sicher sein, dass das Wort wirklich gesehen wurde, kann man es auch rückwärts buchstabieren lassen. Dies hat gleichzeitig eine gute therapeutische Wirkung: Rudolf Steiner regte an, in diesem Zusammenhang auch spiegelbildliches Schreiben zu praktizieren: (toll - llot)
Bewegungs- und Gleichgewichtsübungen sind des Weiteren sehr zu empfehlen, man kann z.B. spielerisch viel tun: auf allen vieren versuchen, die Gangarten eines Pferdes zu imitieren (schöne Überkreuzbewegungen?), was auch immer das Kind begeistern wird. Es geht nicht darum, das mit vielen Worten stur ein zu pauken, sondern um das Erlernen einer Fähigkeit generell. Es geht um die Veränderung, die die Veränderung bewirkt.
Bitte denken Sie auch darüber nach, ob ihr Kind durch das Verhalten des nicht "rechtschreiben Könnens" nicht etwas erreicht, was ihm auf andere Weise nicht so elegant erreichbar ist: Vermehrte Zuwendung ("Appell meist an die Väter gerichtet"), Ansprache, sorgende Aufmerksamkeit usw. Manchmal beobachte ich, dass kleine, doch regelmäßige Rituale (die einen völlig anderen Kontext haben!) in einigen Familien diese Probleme wie Nebel in der Sonne sich lichten lassen.
Professionelle Hilfe bei Rechtschreibschwäche
Führt dieses "Spielen" in der Vorstellung mit dem Wortbild alleine nicht zum Erfolg, kann es sein, dass bereits Kompensationsmechanismen und evtl. Widerstandsmechanismen wie Autopiloten die Regie übernommen haben. Möglicherweise kann professionelle Hilfe in wenigen Sitzungen deutliche Verbesserungen erzielen.
Über die Beobachtung bestimmter physiologischer Indikatoren (vor allem der Augenbewegungsmuster) und Verhaltensindikatoren (z.B. Lippenbewegungen, ideomotorische Bewegungen, sprachlich verwendete Repräsentationen u.a.) gelangen wir in der Praxis Vera Matt zu einer ausgezeichneten Kenntnis über die Strategien des Schreibens des Einzelnen. Darauf aufbauend erfolgen effektive therapeutische Interventionen. Meist auch nur eine maßgeschneiderte Beratung. Sprechen Sie mich an.
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